Die Südtiroler sind alles andere als einfach gestrickt. So nutzen sie die Wolle ihrer Schafe für weit mehr als nur Socken. Das geht von edlen Loden-Stoffen über den charismatischen Sarner Jangger bis hin zu intelligenten Pantoffeln. Auch in der Wellness greift man gerne auf die positiven Eigenschaften der Wolle zurück.

Im Südtirol leben an die 45’000 Schafe, die regelmässig weiche Wolle liefern. Die findigen Südtiroler nutzen diesen wertvollen Rohstoff voller Leben für unterschiedlichste Zwecke. Sie verspinnen die Wolle, sie filzen sie und verarbeiten sie zu Loden, auch Walkstoff genannt. Das besonders hautverträgliche Wollwachs Lanolin wird gerne für wohltuende Schafwollbäder genutzt. Allseits beliebt sind Delikatessen aus Schaffleisch wie die Spezialitäten vom Villnösser Brillenschaf oder ein herzhaftes Schöpsernes, ein traditioneller Lammeintopf.

© IDM Südtirol/Achim Meurer

Positive Eigenschaften wie keine andere Faser

Bei der Schafschur wird das hochwertige Wollvlies aus dem Deckhaar der Schafe gewonnen und anschliessend gewaschen, wobei das Lanolin bewahrt wird. Dieser natürliche Fettgehalt verleiht der Wolle ihre hervorragenden klimatischen Eigenschaften – Wollkleidung kann im Faserinnern Wasserdampf aufnehmen, die Oberfläche stösst Wasser jedoch ab. So hat Wollware sowohl einen wärmenden als auch einen kühlenden Effekt. Dies macht sich auch der ipotsch aus dem Schnalstal zu Nutze: die Wolle dieses intelligenten (i) Pantoffels (Potsch) stammt ausschliesslich von Schnalser Schafen, die auf das Leben im alpinen Raum perfekt eingestellt sind. Der puristisch gestylte Filzpantoffel garantiert durch seine temperaturausgleichenden Eigenschaften angenehm warme Füsse zu jeder Jahreszeit.

Rund ums Schaf

Seit über 4000 Jahren wird im Südtirol Schafzucht betrieben. Zu den ältesten Rassen gehört das Villnösser Brillenschaf. Die schwarze Zeichnung um Augen und Ohren verleiht diesem Schaf einen coolen Look wie von einer Sonnenbrille. Die vom Aussterben bedrohte Rasse aus dem Villnösstal wird dank einer Initiative von Oskar Messner wieder vermehrt gehalten – insbesondere in den Dolomitentälern. Ihr butterzartes Fleisch trägt das Prädikat «Presidio Slow Food», was für die hohe Qualität genussvoller, bewusster und regionaler Spezialitäten steht. Weit verbreitet sind die Tiroler Bergschafe, welche hauptsächlich aus dem Ulten- und dem Sarntal stammen und eine robuste Wolle liefern. Im Schnalstal werden alljährlich Schafherden von bis zu 4000 Tieren über den Alpenhauptkamm auf die Sommerweiden im hinteren Ötztal geführt. Die Transhumanz ist eine jahrhundertealte Tradition, welche mittlerweile zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört. Beim Schafübertrieb im Juni legen die Hirten und ihre Tiere den langen und beschwerlichen Marsch über Schneefelder, steile Fels- und Eisrinnen in zwei Tagen zurück. Aufgrund der milderen klimatischen Bedingungen ist der Rückweg im September für Mensch und Tier einfacher zu bewältigen.

Die spinnen die Südtiroler

Heimische Wolle hat im Südtirol einen hohen Stellenwert und die Schafwollverarbeitung wird heute noch als lebendiges Kunsthandwerk betrieben. Nach der Schur wird die hochwertige Wolle gewaschen und gekämmt (im Fachjargon «kardiert»), bevor sie am Spinnrad in der Stube zu Garn gesponnen wird. Bei der Filztechnik wird die Wolle mit warmem Wasser und Seife behandelt und mit mechanischem Druck zu einem festen Filzstoff verbunden. Die Südtiroler stellen daraus Hüte, Pantoffeln, Taschen aber auch Produkte für den Tisch oder fürs Wohlbefinden her. Der Loden wird zuerst gewoben und erst anschliessend gewalkt. Es entsteht ein fester und wasserabweisender Stoff zur Herstellung von Jacken, Mänteln und anderen Kleidungsstücken. Die Lodenwelt von Oberrauch-Zitt widmet sich dem edlen Stoff mit einem interaktiven Museum.

Vom Schaf zur Wolle, vom Filz zum Loden. All dies wird in der Lodenwelt im Pustertaler Vintl erlebbar. © IDM Südtirol/Alex Filz

Südtiroler Wolle wird von traditionellen Manufakturen wie dem Spinnradl in St. Leonhard oder der Ultner Sozialgenossenschaft Bergauf verarbeitet. In Villnöss benutzt Naturwoll historische Wollverarbeitungsmaschinen für eine Produktion wie anno dazumal. Vielfältige Filzprodukte gibt es bei Haunold in Innichen. Und wer selber filzen lernen möchte, ist mit den Südtiroler Bäuerinnen gut bedient. Diese geben ihr Wissen, ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten, Traditionen und Werte gerne weiter. Auf Weihnachten hin gibt’s spezielle Bastelkurse in Bozen.

Ein Schaf im Schrank

Das Traditionsunternehmen Tuchfabrik Moessmer stellt in Bruneck heissbegehrte Stoffe für Prada, Gucci & Co. her. Der traditionelle Bauernstoff ist längst salonfähig geworden und die High Society hat den Loden entdeckt. Einst von Kaiser Franz Josef so sehr geschätzt, dass er Moessmer zu seinem Hoflieferanten machte, ist es in unserer Zeit Michelle Obama, die in einem Lodenkostüm von Moessmer gute Figur machte. Ebenfalls eine neue Blüte erlebt der Sarner Jangger. Diese Trachtenjacke wird sehr eng gestrickt, wodurch sie besonders wärmt. Typische Merkmale sind der Saum in einer leuchtenden Farbe und die Hirschhornknöpfe. Einst hauptsächlich zur Arbeit getragen, hat sich die Wolljacke längst zum alltagstauglichen und beliebten Kleidungsstück entwickelt. Das Südtiroler Label «glücklich» setzt auf anspruchsvolles Design, ausgesuchte Materialien und traditionelles Handwerk. Ursprünglich als kleines Projekt mit Fokus auf Strickprodukte, hält es die Tradition der alpinen Kultur in Bezug auf Handwerk, Qualität und Beständigkeit hoch, bleibt dem modischen Zeitgeist, Innovationen und Trends jedoch nicht verschlossen. Alte Maschen in neue Formen gestrickt.

Typische Sarner Jangger mit Hornknöpfen © IDM Südtirol/Achim Meurer

www.suedtirol.info

 

Beitragsbild: © IDM Südtirol/Benjamin Pfitscher

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