Das Auto ist gepackt, der Tank gefüllt, die Neugier geweckt. Also einsteigen und los gehts: Vorbei an den schmucken mittelalterlichen Häusern von Tallinn, über das Kopfsteinpflaster in Richtung Weite. Das trubelige Stadtleben hallt noch in Gedanken nach wie ein liebgewonnener Ohrwurm, als der Mietwagen in die Landstrasse einbiegt – und plötzlich ist man allein. Soweit das Auge reicht nur Wälder, Wiesen und das Meer.

Freie Fahrt ohne Maut

Auf einer Mietwagenreise erlebt man die ganze Vielfalt des Landes; Stadt und Weite, grüne Felder, wunderschöne Küsten und Inseln, auf denen die Uhren und Menschen ein wenig anders ticken. Die Vorteile des Autos als Transportmittel liegen auf der Hand: Estland ist das einzige EU-Land ohne mautpflichtige Strassen, denn es gibt hier keine Autobahnen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt auf dem Land 90 km/h und innerorts 50 km/h, was ein Vorankommen ohne Hektik fördert. Viele Übernachtungsmöglichkeiten und Orte sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu erreichen. Schliesslich ist ein Mietwagen ab zwei Personen die günstigere Alternative zu Zug und Bus, zumal die Parkplätze gratis und das Benzin billiger sind als anderswo.

Buntes Tallinn

Die Reise beginnt in Tallinn, schliesslich ist die Hauptstadt am Meer über den nahegelegenen Flughafen leicht erreichbar. Die Metropole mit ihrer UNESCO-geschützten Altstadt lässt sich an einem Tag bequem zu Fuss erkunden. Jung, bunt, kreativ, aber mit einer faszinierenden Geschichte und vielen kulturgeschichtlichen Schätzen bietet Tallinn für alle etwas. Die Altstadt ist eines der weltweit am besten erhaltenen Stadtzentren aus der Hansezeit. Die Gastronomie ist weiterherum bekannt und mehrere Restaurants wurden mit Michelin-Sternen ausgezeichnet, darunter etwa das «180°» von Matthias Diether (zwei Sterne). Ein Kaffee, ein Abendessen, die entspannte Atmosphäre, das besondere Armband aus der Boutique um die Ecke – die bleibenden Erinnerungen häufen sich hier rasant, ganz von allein.

  • Die Bischofsburg Kuressaare auf der Insel Saaremaa. © Priidu Saart

Freiheit auf Saaremaa

Am nächsten Tag ruft die Natur. Also Mietwagen abholen und los geht die Fahrt in Richtung Südwesten. Nach rund zwei Stunden ist der Fährhafen von Virtsu erreicht. Kein Umsteigen, kein Gepäckschleppen: einfach auf die Fähre übersetzen und sich in eine komplett andere Welt entführen lassen – zur Insel Saaremaa. Wenn bis jetzt die Hektik des Alltags vielleicht noch irgendwo in den Gliedern schlummerte, hat die frische Brise spätestens jetzt alles freigepustet. Durchatmen ist nicht später, Durchatmen ist jetzt. An der fast 900 Kilometer langen Küstenlinie sind die Gedanken frei und alles ist möglich.

Ob abenteuerlustig oder ruhesuchend: Auf der 2673 Quadratmeter grossen Insel finden alle ihr Glück. Neben beeindruckender Natur gibt es hier auch einiges zu sehen, etwa die Windmühlen in Angla, der 4000 Jahre alte Meteoritenkrater Kaali, den Sõrve-Leuchtturm, Steinkirchen, Burgen und Museen. Die ehemalige Bischofsburg von Kuressaare, auch Schloss Kuressaare genannt, wurde im 14. Jahrhundert im spätgotischen Stil errichtet und gehört zu den am besten erhaltenen Befestigungsanlagen Estlands. Heute ist hier das Geschichtsmuseum beheimatet. Umgeben von Wassergräben und einem ausladenden Park, lässt es sich hier wunderbar verweilen.

Mystisch: Kanufahrt im Soomaa-Nationalpark. © Katrin Laurson

Mit dem Kanu durch die Wildnis

Zurück auf der Fähre, geht ein letzter, fast wehmütiger Blick zurück. Saaremaa, du warst gut zu uns, wir sehen uns eines Tages wieder! Doch erstmal ruft die Wildnis. Vom Fährterminal geht die Reise weiter ins Landesinnere, in den Soomaa-Nationalpark, wo mystische Moor- und Flusslandschaften dominieren, wo viele Tiere wie Elche und Biber in wildwuchernden Wäldern zuhause sind. Als Fortbewegungsmittel dient nun zwischenzeitlich nicht mehr das Auto, sondern das Kanu. Eine Kanufahrt wird besonders im Frühling zum unvergesslichen Erlebnis. Die estnische Frühlings-Schneeschmelze, genannt «Fünfte Jahreszeit», lässt die Flüsse über die Ufer treten und Wälder, Wiesen, Strassen stehen für einige Tage oder gar Wochen unter Wasser. Nun ist ein Vorankommen nur noch per Boot oder Kanu möglich. Aus der Moorlandschaft wird eine fast surreal wirkende Szenerie, in der die Bäume aus dem Wasser ragen wie mystische Wesen aus der Unterwelt.

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