«And let this moment linger, they‘ll never take what‘s ours away.» Die Liedzeile schwebt durch die engen Gassen des Cathedral Quarter, hallt von den Backsteinwänden, mischt sich mit dem Kreischen der Seemöwen, die gierig auf alles runterstürzen, was essbar scheint. Mitten im City Center steht ein Mikrofon auf wackeligem Ständer. Keine Gitarre, keine Show, die Hände in den Jackentaschen, das bärtige Kinn vorgestreckt, der Blick über die Zuschauerköpfe in die Ferne gerichtet: So steht er da, als wäre er selbst überrascht, dass seine reine, unverfälschte Tenorstimme so weit trägt. John Garrity, 35 Jahre alt, seit über zehn Jahren gefeierter Belfast Busker. Er singt «Grace», ein Lied über den Osteraufstand 1916, als der irische Unabhängigkeitsprozess gegen die britische Herrschaft Fahrt aufnahm und sich Joseph Plunkett in der Nacht vor seiner Erschiessung heimlich trauen liess. Ein Abschied. Eine Hochzeitsnacht. Ein Liebeslied. Und zugleich Medizin: Melancholie für eine Stadt noch immer mitten im Heilungsprozess. John Garrity gehört zu der Generation Jugendlicher, die genug haben von alten Grabenkämpfen, die das Gemeinsame suchen in der Musik. Sie ist überall, an jeder Strassenecke, in den Pubs, in all den kunterbunten Plattenläden.

John Garrity kommt ohne Instrument aus. © Daniel Reichenbach

Stadt der Industrie, Stadt der Konflikte

Einst war Belfast eine Weltmacht der Industrie. Die Webstühle in «Linenopolis» produzierten mehr Leinen als ganz Kontinentaleuropa. Dazu kamen die weltgrösste Seilerei, Gallahers Tabakfabriken und über allem die Werft Harland & Wolff, die mit immer grösseren Schiffen das Goldgeschäft der Transatlantikpassage bediente: Auswanderer im Zwischendeck, Millionäre im Smoking darüber. Die Fassade der City Hall, 1906 eingeweiht als Wahrzeichen der industriellen Revolution, trägt Figuren und Fresken, die diese vier Industrien verewigen. Auch die Titanic lief 1911 in den weitläufigen «Shipyards» vom Stapel. Keine elf Monate später lag sie im Nordatlantik auf Grund. Was die Belfaster mit ihrem berühmten Galgenhumor so kommentieren: «She was alright when she left here» (Als sie hier auslief, ging es ihr gut). Noch heute hallt der Bau der Titanic nach als Sinnbild für den Ehrgeiz dieser Stadt und ihre Fragilität.

Wie ein Schiffsrumpf: das Titanic-Museum. © Daniel Reichenbach

Der Rumpf des Museums

Heute steht an Stelle der alten Werft ein aus silbernen Wellen ragender kristallartiger Museumsbau. Seine auskragenden Ecken sind mit 38 Metern exakt so hoch wie der gewaltige Schiffsrumpf, den rund 3000 Werftarbeiter einst in einer gigantischen Werkhalle mit 3 Millionen Stahlnieten und 2000 tonnenschweren Stahlplatten zusammenhämmerten. Gleich neben dem Museum steht das alte Verwaltungsgebäude von Harland & Wolff, heute das Titanic Hotel Belfast. In den beiden Zeichensälen mit ihren hohen, lichtdurchfluteten Gewölben wurden einst die Pläne für die Titanic und ihre Schwestern gezeichnet. Lange verwaist und der Abbruchbirne nah, trinken heute Gäste ihren Jameson oder Jawbox-Gin an einer langgezogenen Bar zwischen alten Blaupausen und einem hinter Glas konservierten Titanic-Modell aus Holz. In einem Seitenraum erinnert eine überdimensionierte Vitrine an die Zeit, als Nachrichten noch in Morsezeichen um die Welt gingen: Während die Titanic in jener dramatischen Aprilnacht ihre Notsignale in den Nordatlantik funkte, soll die Depesche auch hier gelandet sein.

Der Fahrer der Black-Taxi-Tour kennt die «Troubles». © Daniel Reichenbach

Mauern bremsen das Denken

«Ich gebe beiden Seiten die Schuld. Manchen gefällt das nicht, deshalb achte ich darauf, dass ich dabei so fair wie möglich bin.» Unterwegs auf einer auf Touristen zugeschnittenen Black-Taxi-Tour. Am Steuer ein Fahrer, der die «Troubles» hautnah miterlebte. So spricht man hier über 30 Jahre Bürgerkrieg zwischen Nachbarn: Mauern, Zäune und Barrieren trennen noch immer katholischrepublikanische und protestantischloyalistische Viertel. Zwar hat der Friedensprozess Bomben und Gewehre weitgehend zum Schweigen gebracht, manche Strukturen aber sind geblieben. Mauern vor dem Kopf bremsen das Denken: Das erkennt die Generation, die nach dem Karfreitagsabkommen von 1998 aufgewachsen ist. Viele Jugendliche haben die Troubles ihrer Eltern satt, spielen in denselben Bands, trinken in denselben Pubs. Die Mauern in den Köpfen verschwinden langsam. Zu langsam für viele.

Mauern und Zäune sind immer noch präsent. © Daniel Reichenbach

Musik heilt Wunden

Und immer wieder hat diese Stadt Menschen hervorgebracht, die dem Chaos mit Musik trotzten. 1976, auf dem Höhepunkt der «Troubles», eröffnete ein junger Mann namens Terri Hooley mitten in der halbzerbombten Great Victoria Street einen Plattenladen und taufte ihn Good Vibrations. Heute ist Terri 77 Jahre alt, Pullover, graues Jackett, der «Godfather of Belfast Punk». In seinem Laden entdeckte und förderte er Bands wie The Undertones, Rudi, The Outcasts und Stiff Little Fingers. Bands, die eine Generation zusammenbrachten, weg von den aufreibenden Auseinandersetzungen. Punk als Friedensprojekt. Oder zumindest als Ventil. «Good Vibrations» wurde zum Plattenlabel, zum Mythos, schliesslich zum Kinofilm. Der Laden ist längst geschlossen. Und Hooley ist heute ein gebrechlicher Mann, der viel dazu beitrug, dass die UNESCO Belfast 2021 in das Netzwerk der «Creative Cities of Music» aufnahm. Manche Wunden heilen eben besser mit Musik. Zeit für ein Guinness. Die Frau hinter dem Tresen: Tattoos, Nieten und Ringe in Lippe, Nase, Ohr, ein Punk-Katechismus auf der Haut. Sie zapft den dunklen Gerstensaft mit ritueller Würde. Bis der Schaum makellos und knapp über dem Rand stehen bleibt.

Aodán Mac Séafraidh baut «Uilleann Pipes». © Daniel Reichenbach

Instrument aus einer anderen Zeit

In einem Wohnviertel abseits der Touristenrouten: In einer Werkstatt, die nach Holzspänen und altem Leder riecht, baut Aodán Mac Séafraidh, alle nennen ihn Jaff, seit 25 Jahren «Uilleann Pipes», die irische Sackpfeife. Anders als bei der schottischen Variante, bei der der Spieler bläst, liefert ein Blasebalg die nötige Luft. Es ist eines der komplexesten Volksmusikinstrumente der Welt. Einzelne Teile gefertigt aus African Blackwood, so dicht, dass es im Wasser sinkt. Andere aus Ebenholz aus Sri Lanka. Boxwood für die Ringe, dasselbe Holz wie bei barocken Oboen des 18. Jahrhunderts. Ein Instrument, das jahrzehntelang fast verschwunden war und seit den 1960ern eine Renaissance erlebt. Heute gibt es sogar einen Uilleann-Pipe-Bauer in Tokio, der laut Jaff beim Pfeifenbau offenbar regelmässig verzweifelt, weil die Herstellung derart komplex ist. Schmunzelnd meint er: «Manche Menschen drehen durch und landen von Zeit zu Zeit in einer psychiatrischen Klinik.» Zum Abschied greift Jaff zu einem seiner Instrumente, an denen er bis zu drei Monaten arbeitet. Die «Drones» – Tenor-, Bariton- und Basspfeifen – lassen den Körper im kleinen Raum vibrieren, tief und hypnotisch. Die Melodiepfeife (Chanter) trillert zusammen mit den Regulatoren zum «Jig». Ein Ein-Mann-Orchester, buchstäblich auf den Körper verteilt. Ein Klang, der über Jahrhunderte schwebt und bis heute nichts von seiner Faszination eingebüsst hat.

Für Oberbürgermeisterin Tracy Kelly ist das Festival eine grosse Chance. © Daniel Reichenbach

Auch Mayors kriegen mal Blues

Im prächtigen «Parlour» der City Hall: Oberbürgermeisterin Tracy Kelly lädt zu englischem Tee und irischer Musik. Herzlich und «amused» in ihrer schlichten, hellblauen Bluse. Um den Hals gehängt die 6,3 Kilogramm schwere, goldene Amtskette mit Belfaster Wappen. Hinter ihr in züchtigem Abstand zueinander Portraits von King Charles und seiner Queen Camilla. Das illustre Paar schaute Anfang Mai bei Tracy Kelly vorbei und freute sich sichtlich, dass Belfast und das weltgrösste irische Musikfestival «Fleadh Cheoil na hÉireann» so prächtig gedeihen. Zum ersten Mal in Belfast, ist es bereits die 75. Ausgabe, mit über 180 Wettbewerben und nicht nur traditioneller Musik. Das «Fleadh» hat sich längst geöffnet: für zeitgenössische Töne, Crossover, Punk-Einflüsse. Für Kelly ist das Festival eine grosse Chance: «Belfast ist heute ein grossartiger, sehr friedlicher Ort. Das Festival schafft es, die beiden Arten traditioneller Musik zusammenzubringen.» Und schmunzelnd: «Wir erwarten bis zu 800’000 Gäste aus aller Welt, sind bestens vorbereitet, werden sogar unsere schönen Parks zu Zeltplätzen und Begegnungszonen umgestalten.» Belfast zählt jedes Jahr Dutzende Musikfestivals: Vom Cathedral Quarter Arts Festival bis zum Bluesfestival, das der stellvertretende Oberbürgermeister, der Deputy Mayor Paul Doherty an diesem Tag eröffnete. Nicht mit langweiligem Politsprech. Mit Fender-Gitarre und Blues-Band jammt er los, während im «Kelly‘s Cellars» das Bier buchstäblich überschäumt.

Deputy Mayor Paul Doherty spielt bei der Eröffnung des Bluesfestivals. © Daniel Reichenbach

Das Wesen irischer Sessions

Von den Docks weht eine salzige Brise, treibt eine leere Bierdose scheppernd über das Kopfsteinpflaster im Zugang zum «White’s Tavern», dem urgemütlichen, ältesten Pub der Stadt mit dem ersten Ausschank-Patent von 1630. Davor flaniert eine Gruppe junger Frauen, Miniröcke, das Haar im Wind. Abend und Ausgelassenheit sind nah. Die «Troubles» weit weg. Das ist Belfast. So wild und normal, wie Metropolen mit rund 350’000 Einwohnern und 9,5 Millionen Touristen im Jahr nun mal sein dürfen. Dieser Ausflug führt auf dem «Traditional Music Trail»: durch viktorianische Pubs mit Davey Maguire an der Irish Flute und Jason O’Rourke mit seiner uralten, 10‘000 Pfund teuren Concertina. Eine Art Mini-Akkordeon, das Zirkusclowns lange zur Spassnummer degradierten, aus der irischen Musik aber kaum mehr wegzudenken ist. So lernen Gäste das Wesen irischer Sessions in Belfast kennen: keine Noten, kein Konzert, keine Ansagen. Musiker sitzen im Kreis, einer beginnt, die anderen folgen, die nächste Melodie wird mit einem minimalen Nicken angezeigt. «The Lilting Banshee», «Born for Sport»: Titel sind Glücksache, was zählt, ist das gemeinsame Spiel, das Zuhören und musikalische Antworten auf möglichst überraschende Art. Vor 30 Jahren gab es kaum noch Irish Traditional Music in der Stadt. Heute bieten fast alle Pubs im Zentrum Sessions: «Maddens», «Kelly’s Cellars», die «Hearth Bar» drüben in Ballyhackamore, East Belfast, wo donnerstags Musiker beider Communities zusammenspielen. Niemand spricht über «Troubles».

Der Belfaster Abend gehört der Ausgelassenheit. © Daniel Reichenbach

Lange für tot erklärt

Das Stakkato des irisch-rhythmischen Slangs, British-Englisch mit eingeworfenen Silben, die man in keinem Wörterbuch findet, lernen BesucherInnen rasch lieben. Und manchmal mischt sich etwas anderes darunter: Lange für tot erklärt, meldet sich Gälisch zurück. Auf Schildern. In Schulen. Im Mund einer neuen Generation. Es braucht Zeit, das zu verstehen. Und ist ein Grund, um wiederzukommen. Belfast hat keine einfachen Antworten. Noch stehen die Mauern – doch von Punk bis «Uilleann Pipes», von Terri Hooleys verrücktem Plattenladen bis zur «Fleadh»: Belfast beweist, dass Musik vieles leichter macht. Manchmal laut. Manchmal zart. Wie Menschen. Auch von ihnen könnte Busker John Garrity jeden Tag ein Liedchen singen: Manche gehen an ihm und seinem gesammelten Kleingeld vorbei, mit abgewandtem Blick, andere bleiben stehen und erfreuen sich an seinem Sound. Hinhören tun sie alle. Wenn Belfasts Musik Hoffnung atmet.

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