Übernatürliches unter der Erdoberfläche
Zuerst Grotten, dann Gaumenfreuden: Nach der Tour durch die schweizweit grössten Tropfsteinhöhlen tafeln Gäste im Helllicht des «Hotel des Horlogers» zwischen Tannen.

Zuerst Grotten, dann Gaumenfreuden: Nach der Tour durch die schweizweit grössten Tropfsteinhöhlen tafeln Gäste im Helllicht des «Hotel des Horlogers» zwischen Tannen.
«Grottengut!» müsste es heissen – anders als man annehmen könnte, hat das Adjektiv ursprünglich ohnehin nichts mit Grotten, sondern mit Kröten, die mundartlich «Grott» genannt und im Mittelalter mit dem Teufel in Verbindung gebracht wurden. Genug der Wortklauberei – wer die Grotten von Vallorbe betritt, dem verschlägt es sowieso die Sprache, denn es handelt sich um die grössten Tropfsteinhöhlen der Schweiz. Sechs Kilometer von der französischen Grenze entfernt, wurde das unterirdische System vom Fluss Orbe geformt, dessen Wasser sich seit Jahrtausenden den Weg durch den Kalkstein bahnte.
Als Forschende Ende des 19. Jahrhunderts dort eine Höhle entdeckten, ahnten sie nicht, welch wundersame Welt sich unmittelbar unter ihren Füssen verbarg. Als verschiedene Tauchgänge weitere Höhlen und Galerien offenbarten, wurde ein Eingang freigebohrt und die «Feengrotte» 1974 als touristische Attraktion eröffnet. Lange galt sie als klein und unscheinbar, bis Höhlenforscher den entscheidenden Wink von oben – oder passenderweise «von unten» – witterten: Mit Hammer und Meissel drangen die Speläologen weiter vor und stiessen auf ein System aus Stalaktiten, Stalagmiten und Kalksteinsäulen – mitsamt unterirdischem Fluss. Die Orbe fliesst mal ruhig, mal tosend zwischen dem Gestein, ehe sie wieder aus dem Berg wallt.
Aufwühlend ist es auch für Besuchende, dieses jahrmillionenalte Neuland zu betreten: Oben und Unten verschwimmt zu umrisslosen Bildern, man fühlt sich riesig und zugleich winzig inmitten von ein 30 Meter hohen Kathedrale und krassen Kalksteinformationen, die sich in den Seen spiegeln. Die wie von Zauberhänden geformten Gebilde sind mit einer ausgeklügelten Beleuchtung in Szene gesetzt und muten märchenhaft an.
Man würde sich kaum wundern, wenn ein Drachen aufkreuzte, ein freundlicher, versteht sich. Denn aus solch surrealen Szenerien sind die guten Märchen gestrickt, jene mit Happy End. Wie in der steineren Stube von mythischen Gestalten fühlt man sich zum Schluss des etwa einstündigen Rundgangs in der Ausstellung des Feen-Schatzes: Die schillernde Sammlung besteht aus 250 Mineralien aus der ganzen Welt.
Weil die Gäste selbst natürlich nicht aus Stein sind, kommt nach der Reise zum geologischen Reichtum Hunger und Durst, womöglich auch etwas Schläfrigkeit auf. Diese Kröten brauchen Besuchende der Region keinesfalls zu schlucken: Im Anschluss an den Ausflug geht es stracks am Seeufer entlang an einen Ort, wo sich die Feen der Jetztzeit gewiss geborgen fühlten: Wie ein Fossil fügt sich das «Hotel des Horlogers» vor einer unermesslichen Wand aus Wald in die Topografie ein. Bodenwellen, scheinbar schiefe Ebenen und schwebende Bäume; die Architektur ist komplex wie ein Uhrwerk – wie passend, schliesslich befindet man sich hier im Vallée de Joux in der Wiege der Schweizer Uhrmacherkunst und das Vier-Sterne-Boutiquehotel ist im Besitz der Traditionsmanufaktur Audemars Piguet. Im Restaurant strukturieren massige Steinblöcke den Raum. In der Brasserie «Le Gogant», benannt nach dem Combiers-Dialektwort für eine weisse, alleinstehende Tanne, tafelt man mit Blick auf den Risoud-Wald.
Kaum bestellt, verwandelt sich der Gaumen gewissermassen in eine «Tropfsteinhöhle»: Die raffinierten Speisen bringen das Wasser im Mund zum Zusammenlaufen. Die Ingredienzen dafür pflückt das Küchenteam direkt in der nahen Natur. Gar einem Waldspaziergang gleicht ein Dinner im dazugehörigen GaultMillau- und Michelin-Lokal «La Table des Horlogers», wo es vorkommen kann, dass man die Amuse-Bouches eigenhändig von herabhängenden Ästen pflückt – und das barfuss. Das Farbenspiel auf den Tellern, das man feinschmeckerisch erforscht, vermag durchaus an jenes der Kristalle und Wasserreflexionen erinnern, die man vormals in Vallorbe bestaunte. Angesichts der 50 Zimmer und Suiten, die allesamt mit Rohstoffen aus der Region eingerichtet sind und waldige Weitblicke gewähren, braucht man keine Kristallkugel, um sich sicher zu sein: Hier schläft man wie ein Stein.