Irland – da tut sich vor dem geistigen Auge ein hinreissendes Bild auf: Von Hügeln, überzogen von endlosem Grün, stattlichen Burgen, die sich als Relikte einer vergangenen Zeit aus den Nebeln erheben, und natürlich der berühmte Pubs mit Live-Musik, wo Gäste ausgelassen plaudern bei einem Glas Whiskey, dem man das 700-jährige Destilliererbe anschmeckt. Doch: Irland hat auch eine überraschend kuriose Seite, mit Legenden, die irgendwo zwischen Wirklichkeit und Mythos schweben. Wer also neugierig hinter das typische, vertraute Bild blickt, stösst auf Entdeckungen, skurrile Bräuche und Eigenheiten. Fernab von zwar betörenden, aber bekannten Sehenswürdigkeiten trifft man auf wilde Geschichten über Feen und Riesen, bizarre Heiligtümer und uralte Traditionen. Aber alles der Reihe nach …

Destilliert am Altar

Dass an der Kirche St. James im ebenso coolen wie historischen Stadtteil The Liberties in Dublin so einiges anders ist, offenbart sich oft erst auf den zweiten Blick. Die Kirche ist seit den 1960er-Jahren keine mehr im eigentlichen Sinne, da hier keine Gottesdienste mehr stattfinden – dafür Gin-Workshops und Cocktail-Masterclasses. Denn im Gebäude mit gläsernem Kirchturm, der abends eisblau beleuchtet ist, verbirgt sich eine preisgekrönte Hauptstadtdestillerie, die nach ihrem Gründer, dem irischen Geschäftsmann Pearse Lyons, benannt ist.

Seinen Traum von der eigenen Destillerie in Irland verwirklichte er, als er 2012 mit seiner Frau Deirdre die alte, baufällige Kirche entdeckte. Was sie damals noch nicht wussten: Pearses Grossvater, John Hubert Lyons, war in der Echlin Street in Dublin 8, direkt neben der Destillerie, geboren. Das Projekt, eine Herzensangelegenheit, begann 2013 und die Restaurierung dauerte über vier Jahre, sodass die «Pearse Lyons Distillery» 2017 ihre Pforten öffnete – und immer noch geöffnet hat für Gäste, welche die reiche Destillerietradition bei Führungen «fassnah» erleben wollen. Zu verkosten gibt es unter anderem den «Pearse 5-Year-Old Single Malt», welcher der erste Whiskey einer neuen Brennerei in Irland seit über 25 Jahren war und damit einen historischen Meilenstein in der Wiederbelebung der irischen Whiskey-Industrie markierte.

Die 300 Meter kurze Dursey-Seilbahn ist einmalig. © Tourism Ireland

Zum Verirren verführt

Wer denkt, er habe das Rätsel des aromatischen Whiskeys gelöst, kann sich gleich dem nächsten widmen: Im «Castlewellan Forest»-Park in Nordirland lockt mit dem «Peace Maze» eines der grössten Labyrinthe der Welt. Wer es wagt, es zu betreten, findet sich auf 3,5 Kilometer verworrenen Pfaden wieder – oder eben: verliert sich darin. Die gewundene Hecke besteht aus rund 6000 immergrünen Eibensträuchern, von denen zahlreiche von Menschen aus ganz Nordirland angepflanzt wurden. Vorwitzig begibt man sich auf den Weg zum Ziel, das wohl ganz woanders liegt, als man glaubt.

Erfolgreiche Irrgarten-Bezwinger dürfen sich mit Blick auf die majestätischen «Mourne Mountains» auf die Schulter klopfen. Wer sich nach verwirrlichen Fragen wie «Nach links?» oder «Vorne doch rechts?» erst einmal entspannen möchte, kann das im Rest des Parks. Auf 450 Hektar kommt das Gemüt zur Ruhe, sei es beim Bestaunen einer der herausragendsten Baum- und Strauchsammlungen Europas oder auf dem Rundweg um den schillernden See.

«Peace Maze» ist eines der grössten Labyrinthe weltweit. © Donal Maloney

Mythen aus dem Moor

Ein etwas anderes Gesicht zeigt die Natur andernorts: Viele Regionen, sowohl im Landesinnern und an der Küste, sind von Mooren geprägt. Es sind Landschaften, wo sich das Grün der Hügel mit dem bräunlichen, moosigen Boden vermischt und der Nebelhauch das Seine zur mystischen Stimmung beiträgt.

Eines dieser geheimnisvollen Gebiete hebt sich durch einen faszinierenden Fund von den anderen ab: die Grafschaft Longford, im Herzen Irlands. Im Jahr 1984 fanden Arbeiter hier, versteckt im Moor und über 2000 Jahre lang konserviert, eine Holzstrasse aus riesigen Eichenstämmen. Wie ein unsichtbares Band, braun auf braun, ebnete sie den Menschen der Eisenzeit den Weg. Sie zeugt vom erstaunlichen Handwerk der irischen Vorgeschichte, wenngleich das Moor die Planken nach wenigen Jahren in sich verschlang. Im Besucherzentrum kann man sich einen Teil des Originals des «Corlea Trackway» ansehen und dem rekonstruierten Verlauf der Route einige Schritte weit durch das Moor folgen. Den festen Boden unter den Füssen, kann man sich dem Unfassbaren widmen: Ebenfalls Thema sind Mythen der Ingenieurskunst, die von riesenhaften Gestalten und Feen erzählen.

Schaurig schön

Etwas weniger feenhaft geht (oder ging) es an der Südküste Irlands zu und her, wo die grösste Insel im Cork Harbour durch eine Brücke mit Bahnschienen mit dem Festland verbunden ist. Mit Wind im Haar, lässt man die farbenfrohe Hafenstadt Cobh – oft als eine der schönsten Kleinstädte Europas gelobt – hinter sich. Und sogleich auch die Küstenromantik: Nach wenigen Minuten Überfahrt setzt man den Fuss auf «Spike Island», einst das irische Alcatraz. Im Gegensatz zu einstigen «Ankömmlingen», können Gäste sich auf der 103 Hektar grossen, legendären Insel frei bewegen: Über 200 Jahre lang war das der Standort eines der berüchtigtsten Gefängnisse des Landes, zeitweise wohl gar das grösste der Welt. Heute lassen sich die düsteren Zellen sowie eine Ausstellung mitdem mit dem furchterregenden Namen «Shivs and Shanks» besichtigen.

Der Corlea-Holzsteg aus dem Jahr 148 v. Chr. © Failte Ireland

Schön schaudern kann man sich in der St. Peters Church in der Stadt Drogheda, am Beginn der Mündung des Flusses Boyne: Während in anderen Kirchen Knochensplitter oder Stofffetzen an Heilige und Schutzpatrone erinnern, wird hier in einem Schrein der abgetrennte Kopf des einstigen Erzbischofs von Armagh, Sir Oliver Plunkett, aufbewahrt. Jährlich am 1. Juli, Plunketts Todestag, ist der Schrein mit dem Kopf des Märtyrers sogar Teil einer Prozession.

Irlands dinzige Seilbahn

Nach all der Bizarrheit den Kopf durchlüften? Das geht an der Spitze der Halbinsel Beara, wo Irlands einzige Seilbahn mit nur einer Gondel über das Meer zur idyllischen Insel Dursey Island pendelt. In luftiger Höhe kommen einige Gedanken auf: Warum gibt es gerade in Irland so viele Kuriositäten? Ein Grund ist sicherlich das reiche kulturelle Erbe, von Legenden über Herrscher umrankt. Aber auch Feen oder Puca, schelmische formwandelnde Naturgeister, prägen die Kultur Irlands, wo die Ursprünge der weltweiten Halloween-Traditionen liegen.

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