Von Mooren und Museen
Die Zugvögel kehren zurück, die Hauptstadt blüht: Der kommende Frühling eignet sich perfekt, um die urbanen und wilden Seiten Estlands auf einer Rundreise zu erkunden.

Die Zugvögel kehren zurück, die Hauptstadt blüht: Der kommende Frühling eignet sich perfekt, um die urbanen und wilden Seiten Estlands auf einer Rundreise zu erkunden.
Klar verfügt das dünn besiedelte Estland über endlose Weiten unberührter Natur. Dichte Wälder mit Bären, Elchen und Wölfen erstrecken sich neben Hochmoorlandschaften und der Ostseeküste mit ihren über 2300 Inseln. Doch die nordische Destination punktet auch mit spannenden Städten und viel Kultur: Mittelalterliche Architektur ist hier ebenso zu finden wie futuristische Technologie. Reisende sollten sich also etwas Zeit nehmen, um die zahlreichen Perlen des Landes zu finden. Weite Wege sind dafür indes nicht erforderlich. Denn dank der kompakten Grösse Estlands sind sämtliche Regionen mühelos und rasch erreichbar. Das zeigt diese frühlingshafte Rundreise perfekt, die im Gegenuhrzeigersinn Kulturschätze und jede Menge Flora und Fauna erschliesst.
Eine Estland-Tour beginnt zu Recht meist in Tallinn. In der Metropole steht das UNESCO-Welterbe der gut erhaltenen Altstadt aus der Hanse-Zeit gleich neben dem modernen Startup und zieht BesucherInnen so rasch in ihren Bann. Sowieso hat Estlands Hauptstadt definitiv ihre kulturellen Reize: In Szenequartieren wie Kalamaja und dem Kopli-Viertel reihen sich Designläden, Craft-Bier-Brauereien und Start-ups nahtlos aneinander. Ebenfalls einen Besuch wert ist das Noblessner-Hafenviertel: Es präsentiert sich als urbaner Raum mit Kunstgalerien und den besten Restaurants der Stadt. Und apropos Kunst: Die Hauptstadt verfügt auch über einzigartige Museen. Dazu zählt etwa das «Fotografiska», wo fast monatlich neue Ausstellungen eröffnet werden. So ist bis zum 16. März unter anderem die aktuelle Schau «Photosynthese» von Shepard Fairey zu sehen. Der provokante Strassenkünstler aus Los Angeles zeigt über 200 Werke, die mit verschiedenen Techniken bekannte Ikonen der Popkultur abbilden.
Tallinn bietet aber auch 40 Quadratkilometer Grünfläche – und das bei einer Gesamtgrösse von insgesamt 159 Quadratkilometern. Dazu gehören viele Parks und Stadtwälder, wobei die Grünflächen allesamt gut gepflegt und wunderschön gelegen sind. Eine gute Adresse ist hier beispielsweise der Rosengarten der einstigen dänischen Königin. Er liegt am Hang des Dombergs und verfügt neben 800 Rosensträuchern auch über verschiedene Sitzbänke, auf denen man die ersten Blüten des Frühlings bewundern kann. Mit dem Meer ganz in der Nähe ist die unberührte Natur ebenfalls nicht weit. Ganze 40 Kilometer Ostsee-Küste umrahmen die Stadt. Es ist der perfekte Ort, um die goldene Stunde der nordischen Sonnenuntergänge zu zelebrieren – der rosa Dunst am Horizont kann einen stundenlang in seinen Bann ziehen. Für maritime Gemüter verfügt Tallinn mit Pirita, Stroomi und Kakumae über drei öffentliche Strände. Auch im Frühling bietet sich hier ein herrlicher Ausblick auf die malerische Silhouette der Stadt.
Weiter geht die Reise in Richtung Südosten. Dort liegt im Landesinneren die zweitgrösste Stadt des Landes, Tartu. Das Kulturzentrum lässt BesucherInnen rasch in eine faszinierende Welt von Tradition, Musik und anderen Highlights eintauchen. Denn Tartu gilt als Stadt der Studenten, Intellektuellen und Künstler, besitzt eine Vielzahl an Museen und lanciert jährlich unzählige Veranstaltungen wie Theateraufführungen oder Festivals. Sehenswert sind etwa die etwa 6000 m² Ausstellungsfläche des Estnischen Nationalmuseums: Es ist das grösste Museum des Landes. Die beiden Dauerausstellungen «Begegnungen » und «Echo des Urals» beleuchten den Alltag der Einheimischen aus verschiedenen Perspektiven. Wer danach von der Studenten-Staue auf dem Rathausplatz zum Stadtpark fahren oder sich ins pulsierende Nachtleben stürzen möchte, sollte beim Transport auf das Fahrrad setzen. Denn Tartu gehört als Mitglied der «Sustainable Top 100» weltweit zu den besonders nachhaltigen Reisezielen. Um die unterschiedlichen Stadtteile zu erkunden, steht entsprechend ein erschwingliches Bike-Verleihsystem mit über hundert Stationen bereit.
Wer tiefer in der Natur zur Ruhe kommen möchte, besucht einfach den nahen Soomaa-Nationalpark etwas östlich von Pärnu. Er umfasst ein grosses Moorgebiet im Landesinneren und eignet sich perfekt für eine Fahrt auf dem Wasser. Denn die Region wird mehrmals jährlich überflutet, wodurch sich die Fortbewegung per Kajak oder Kanu anbietet. Gerade während der Schneeschmelze im Frühling sorgt die «fünfte Jahreszeit» im 17’500 Hektar grossen Gebiet sicher für ordentlich hohe Pegelstände. Rudernde BesucherInnen sind das eine. Sooma ist aber auch ein Zufluchtsort für Wölfe, Eulen und Auerhühner. Kein Wunder, nennt man den Park auch die «Wildnishauptstadt Estlands». Der beim Besucherzentrum beginnende Biberweg ist indes selbst für Kinderwagen geeignet. Wer mehr über die Fähigkeiten des tüchtigen Nagetiers erfahren möchte, findet auf diesem ganzjährig geöffneten Pfad Bauten und Dämme sowie die vom Biber gefällten Bäume.
Die nächste Station der Estland- Rundreise führt an die Westküste. Dort ist es einfach, dem Alltag zu entfliehen: Es lockt nämlich die Stadt Pärnu mit ihren langen Sandstränden, zahlreichen Restaurants und Bars. Romantische Frühlingsspaziergänge entlang der Strandpromenade sind ein Muss für jeden Pärnu-Besucher, doch auch Schritte durchs nahe Naturschutzgebiet an der Meeresküste lohnen sich. Wäldchen, Lagunen und Strandwiesen befinden sich nämlich ganz in der Nähe des Stadtzentrums, und von der Aussichtsplattform des Wanderpfads kann der Lebensraum für Vögel, Amphibien und seltene Pflanzen gut überblickt werden. Doch nicht nur Flora und Fauna lassen es sich in Pärnu gutgehen. Der Ort ist schliesslich auch bekannt für seine erstklassigen Wellnessangebote – sei es eine Massage oder die wohltuende Wärme einer Sauna. Vom Tervis Medical Spa über das Wasa Resort Spa- und Konferenzhotel bis zum Hedon Spa, die lokalen GastgeberInnen geben alles, damit BesucherInnen sich wohlig zurücklehnen können.
Nun ist wieder die Zeit für urbane Gefilde gekommen. Ähnlich wie Pärnu liegt auch die Stadt Haapsalu an der Westküste von Estland und präsentiert sich als Kurort mit mildem Klima. Wegen ihrer vielen Wasserläufe wird die Stadt auch das «Venedig des Nordens» genannt, und die engen Strassen und die hölzernen Wohnhäuser sorgen ebenfalls für eine malerische Atmosphäre. An der romantischen Promenade am Ufer liegt mit dem reich verzierten Kursaal zudem eines der schönsten Holzgebäude in ganz Estland. Kein Wunder, war der Ort einst ein beliebtes Sommerferienziel der russischen Aristokratie. Heute finden BesucherInnen hier eine Reihe internationaler Festivals, gediegene Wellness-Hotels und etliche charmante Restaurants. Wer die Promenade bis zu ihrem Ende erkundet, gelangt noch zur Bischofsburg Haapsalu. Sie stammt aus dem 13. Jahrhundert und beherbergt heute ein Museum zur Geschichte des Mittelalters. Zudem soll hier mit der «Weissen Dame» ein bekannter Geist umgehen …
Zum Schluss der Frühlingstour in Estland ist nach Haapsalu noch einmal Wildnis angesagt: Ebenfalls an der Küste liegt nämlich der nahe Nationalpark Matsalu. Das Mündungsgebiet des Flusses Kasari und die fast 50 Inseln sind bei Hunderttausenden Zugvögeln beliebt – das macht Matsalu zum Paradies für OrnithologInnen. Auf der grössten kahlen Auwiese Europas nistet etwa der Wachtelkönig, während am Meer Seeadler landen. Wer auf dem Vogelbeobachtungsturm steht, hört zudem vielleicht auch den melodischen Gesang der Grasmücken – diese Tiere verstecken sich gerne im Schilf am Ufer. Im Besucherzentrum des Parks können BesucherInnen mehr über die Natur und die Geschichte dieses Schutzgebiets erfahren, danach geht es zum Gästehaus auf der Puise-Halbinsel – hier führen viele der jährlichen Vogelzüge vorbei, und für menschliche Gäste stehen sieben Zimmer bereit.